"Aktion Saubere Hände" - Was ist das?

Die "Aktion Saubere Hände" läuft seit 2008. Welchen Hintergrund hat der Start der Aktion?

Die "Aktion Saubere Hände" basiert auf der WHO Kampagne "Clean Care is Safer Care" welche die Verbesserung der Patientensicherheit zum Ziel hat. Eine der möglichen Maßnahmen ist die Verbesserung des Händehygieneverhaltens in Gesundheitseinrichtungen als eine grundlegende Maßnahme zur Vermeidung von Übertragungen und Infektionen.

Bereits 2006 hat die damalige Gesundheitsministerin eine Verpflichtungserklärung abgegeben, dass es eine nationale Kampagne zur Verbesserung der Patientensicherheit durch Reduktion von nosokomialen Infektionen geben soll. Unabhängig davon war eine Gruppe von Experten zu der Ansicht gelangt, dass es eine solche Umsetzungskampagne geben muss. Das BMG finanzierte die Kampagne "Aktion Saubere Hände" von 2008 bis 2013. Seit 2014 existiert ein Förderkreis aus einer Vielzahl unterschiedlichster Organisationen

Welches sind die Maßnahmen, die seit dieser Zeit in den teilnehmenden Einrichtungen laufen?

Auf der Grundlage der WHO Kampagne ist auch die "Aktion Saubere Hände" als eine sogenannte multimodale Interventionskampagne konzipiert. Das heißt, es gibt ein Bündel von Basismaßnahmen, welche umgesetzt werden müssen. Wie in allen Qualitätsmanagementmaßnahmen ist hierbei die Unterstützung durch die Geschäftsleitung eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung.

Das Interventionsbündel umfasst folgende verpflichtende Maßnahmen:

  1. Teilnahme an einem eintägigen Einführungskurs.
  2. Verbesserung der Ausstattung der Krankenhäuser mit Händedesinfektionsmittelspendern um eine unmittelbare Verfügbarkeit ohne zusätzliche Wege für das Personal sicherzustellen.
  3. Die Lehre und Umsetzung des WHO Modells "Die 5 Indikationen der Händedesinfektion" als ein didaktisches Instrument, um den Mitarbeitern in einem schnellen und komplexen Arbeitsalltag das sichere Erkennen der Indikationen der Händedesinfektion zu erleichtern.
  4. Die Etablierung von Messinstrumenten zur Evaluierung des Händedesinfektionsverhaltens (Bestimmung des Verbrauchs an Händedesinfektionsmittel und die Beobachtung des Personals während der Arbeit am Patienten).
  5. Die Durchführung regelmäßiger Fortbildungen zum Thema Händedesinfektion und Infektionsvermeidung (Prävention).
  6. Platzierung von Werbematerialien und Erinnerungshilfen.
  7. Durchführung von Aktionstagen.
  8. Teilnahme am jährlichen Erfahrungsaustausch.

Die "Aktion Saubere Hände"  stellt den Teilnehmern eine Vielzahl von kostenlosen Fortbildungs- und Werbematerialien zur Verfügung
(siehe www.aktion-sauberehaende.de ).

Wie viele Krankenhäuser nehmen inzwischen an der Aktion teil?

Wir haben mittlerweile knapp 1000 Krankenhäuser die deutschlandweit an der Kampagne teilnehmen. Das sind ca. 70% aller Krankenhäuser in Deutschland.

Wie haben sich die Verbrauchszahlen von Desinfektionsmitteln bei den teilnehmenden Krankenhäusern der Aktion Saubere Hände in den letzten Jahren entwickelt?

Eine Untersuchung in Krankenhäusern, die seit 2007 ihren Verbrauch an Händedesinfektionsmittel bestimmen hat gezeigt, dass in diesem Zeitraum ein Mehrverbrauch von 90% erreicht wird.

Warum die Ausweitung auf weitere Bereiche (z.B. Reha, Altenwohnheime, Praxen?)

Viele unserer Patienten werden regelmäßig nicht nur in Krankenhäusern sondern auch in ambulanten und in Pflegeeinrichtungen betreut. Multiresistente Erreger und Behandlungsassoziierte Infektionen sind nicht nur ein Problem der Krankenhäuser. Darüber hinaus werden zunehmende auch invasive Therapie- und Diagnostikverfahren in den ambulanten Bereich verlegt. Deshalb ist es nur folgerichtig auch diese Bereiche mit einzubeziehen.

Wie können Sie noch mehr Häuser und niedergelassene Ärzte gewinnen?

Innerhalb von 5 Jahren haben wir ca. 50% aller Krankenhäuser Deutschlands mit der Kampagne erreicht. Es gibt keine weitere Kampagne weltweit mit einer derartig hohen Teilnehmerzahl. Noch dazu wenn man bedenkt, dass die Teilnahme freiwillig erfolgt. Australien hat es geschafft, dass alle der über 500 stationären Einrichtungen teilnehmen. Allerdings wird hier die Kampagne durch die Regierung durchgeführt und die Teilnahme ist Pflicht.

In den nichtstationären Bereichen ist es deutlich schwieriger zu einer derartigen Durchdringung zu kommen. Hier ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit von infektionspräventiven Maßnahmen noch nicht so ausgebildet. In diesen Bereichen des Gesundheitswesens gibt es allerdings auch so gut wie keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu Häufigkeiten von Behandlungsassoziierten Infektionen oder Übertragungen. Es ist also relativ schwierig hier ein Risiko zu beziffern und so ein Risikobewusstsein herauszubilden. Hier sind wir auf die Zusammenarbeit mit Fach- und Berufsverbänden angewiesen.

Welches sind die größten Erfolge der "Aktion Saubere Hände"? Wo besteht noch Optimierungsbedarf?

Die Erfolge der Kampagne sind an verschiedenen Parametern sichtbar.

  1. Zum einen haben wir das WHO Indikationsmodell in ca. 75% der Einrichtungen etabliert.
  2. Wir haben ein nationales System für die Langzeiterfassung des Verbrauchs an Händedesinfektionsmittel etabliert (HAND-KISS). Durch die Berechnung von Referenzdaten haben die Einrichtungen die Möglichkeit, sich mit ähnlichen Einrichtungen zu vergleichen. Die Häuser, welche seit 5 Jahren regelmäßig Daten an das System geliefert haben, erreichten einen durchschnittlichen Anstieg ihres Verbrauchs um 90%.
  3. Die ASH hat eine standardisierte Händehygienebeobachtungsmethode (Compliancebeobachtung) als Evaluierungsinstrument in Deutschland etabliert. Es wird gegenwärtig von mehr als 250 Einrichtungen regelmäßig verwendet. Wir sehen eine durchschnittliche Steigerung der Compliance (Regelbefolgung) um 13%.
  4. Die Ausstattung mit Desinfektionsmittelspendern hat sich deutlich verbessert. Nach den Kriterien der ASH hat sich die Verfügbarkeit auf über 90% auf Normalstationen und über 100% auf Intensivstationen verbessert.

Der Erfolg der Kampagne in einem individuellen Haus hängt ganz entscheidend von den getroffenen Maßnahmen vor Ort sowie von der Unterstützung durch die Geschäftsleitung ab. In einer Umfrage geben ca. 60% der Einrichtungen an , dass sie mit den erzielten Ergebnissen zufrieden sind. In den letzten Jahren haben viele Krankenhäuser ihr Hygienepersonal aufgestockt. Eine erfolgreiche Umsetzung vor Ort bindet durchaus personelle Ressourcen , so dass die ASH in vielen Häusern primär in bestimmten - meistens Hochrisikoabteilungen wie Intensivstationen - umgesetzt wurde. Nun muss dafür gesorgt werden, dass weitere Bereiche der Häuser einbezogen werden. Eine große Herausforderung ist auch nach wie vor die gesteigerte Compliance dauerhaft auf einem hohen Niveau zu halten. Hier bedarf es neuer Strategien.

Ist die Zahl der Todesfälle an MRSA seit Beginn der Aktion gesunken? Oder woran könnte man den Erfolg der Aktion noch festmachen?

Es ist natürlich wünschenswert den Erfolg der Kampagne in solchen Zahlen widergeben zu können. Prinzipiell muss man aber sagen, dass die Entstehung Gesundheitswesen-assoziierter Infektionen ein multifaktorielles Geschehen ist und in der Regel ein Bündel von Maßnahmen zu deren Vermeidung notwendig ist. Die Händedesinfektion ist dabei ein grundlegender Bestandteil aber bei weitem nicht der Einzige.
Die Kampagnen in England und in Australien wurden durch die Regierung unterstützt oder durchgeführt. Hier wurden alle Krankenhäuser verpflichtet, MRSA Bakteriämien (Blutvergiftungen durch Methicillin - resistenten Staphylokokkus aureus ) zu erfassen. In beiden Kampagnen lagen somit für jedes einzelne Haus definierte Daten zur Händedesinfektion und zu MRSA-Bakteriämien vor. Beide konnten zeigen, dass es bei gesteigerter Compliance zu einem Absinken der Raten kam. Hier wurde allerdings das Händewaschen mit Seife und Wasser durch die Händedesinfektion ersetzt, was unter Umständen zu dem sehr deutlichen Effekt geführt hat. Eine solche Vorgehensweise war in Deutschland nicht möglich da hier die Händedesinfektion bereits etabliert war. Momentan gibt es noch zu wenig Übereinstimmung von Daten aus unterschiedlichen Surveillance-Modulen (Infektionsüberwachung) und Daten zur Händedesinfektion, um eine verlässliche Berechnung durchzuführen.

Wieso häufen sich Fälle, die mit sogenannten Multiresistenten Keimen in Verbindung stehen?

Die Art der Patienten die heute in Krankenhäusern behandelt werden, hat sich in den letzten 10-20 Jahren dramatisch verändert. Der Anteil der schwerstkranken Patienten mit Immunsuppression (nicht oder schlecht funktionierendes Abwehrsystem) sowie die Komplexität der Eingriffe in Verbindung mit Zugängen und Schläuchen in den Körper, haben überproportional zugenommen. Dem gegenüber steht ein massiver Kostendruck der Krankenhäuser mit dem Mangel an gut qualifiziertem Personal. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Häufigkeit von Gesundheitswesen-assoziierten Infektionen mit der Personalausstattung korreliert. Wenn Sie sich mal folgenden Zahlen durch den Kopf gehen lassen: Eine Pflegekraft auf einer Intensivstation muss in einer Schicht an einem Patienten zwischen 60 und 100 Händedesinfektionen durchführen , um eine 100%ige Compliance zu erreichen. In der Regel müssen jedoch 2-3 Patienten versorgt werden. Hier stoßen wir ganz klar an die Grenzen des Machbaren für den einzelnen Mitarbeiter. Sicher kann man durch verbesserte Arbeitsabläufe und der Vermeidung von Unterbrechungen von Prozessen Händedesinfektionen sparen und dadurch die Compliance steigern. Eine belastbare Personalausstattung bleibt aber eine Grundvoraussetzung für eine gute Hygiene und damit Patientenversorgung.

Welche Zukunftsoptionen gibt es für die Kampagne aus Ihrer Sicht?

Wie bereits angedeutet, benötigen wir neue Strategien um zu einer weiteren Verbesserung im Krankenhaus zu kommen. Zukünftig müssen Routinearbeitsabläufe genau analysiert und eine Struktur geschaffen werden, die letzten Endes zu weniger Indikationen der Händedesinfektion für den einzelnen Mitarbeiter führen. Darüber hinaus werden genaue Prozessbeschreibungen benötigt, um unnötige Händedesinfektionen (diese werden aus Unsicherheit oder Unwissen heraus durchgeführt) zu vermeiden.

In den Bereichen der Langzeitpflege und der ambulanten Versorgung stehen wir vor anderen Problemen. Hier ist das Risikobewusstsein für die Notwendigkeit von Hygienemaßnahmen noch nicht so ausgeprägt. Hier benötigen wir Untersuchungen in diesen Bereichen die eine bessere Risikoabschätzung erlauben und uns die Möglichkeit geben, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zu geben. Man muss allerdings ganz klar festhalten, dass bei invasiven Eingriffen wie zum Beispiel Endoskopie, Punktionen, Dialyse oder beim ambulanten Operieren genau die gleichen hygienischen Standards anzulegen sind wie in Krankenhäusern.